Zum Inhalt springen

Die Fahrerin

    Leise summte die Klimaanlage in ihrem schicken Wagen. Das Radio dudelte die besten Hits aus irgendeinem ‹Was-auch-immer-Jahrzehnt›. Der Moderator verkündete erneut, dass nur diese Musik einen entspannten Tag garantiere. Gleich würde es das Super-Duper-Morgen-Quiz geben. Leicht genervt wechselte die Fahrerin zu einem Klassiksender. Zufrieden schaute sie auf die Reichweite ihres Autos. Kein Stress mehr mit Tankstellen – das nächste Laden weit entfernt. «Passt doch», murmelt sie vor sich hin. «Ich weiß gar nicht, was diese ganzen Heinis an einem Elektroauto auszusetzen haben?»
    Sie drückte einen Knopf am Lenkrad. «Susi, rufe das Büro an.» Eine sanfte Stimme bestätigte diesen Befehl und nur einen Augenblick, später tönte es aus dem Lautsprecher. «Hallo, bist Du auf dem Weg?» Ihre Vorzimmerperle gab sich wie immer besorgter als notwendig. «Beruhige Dich», antwortete sie. «Ich bin planmäßig losgekommen und gleich im Büro. Ist der große Besprechungsraum fertig?»
    Ihre Assistentin bestätigte alle getätigten Vorbereitungen, nur um sich nochmals über die geplante Ankunft zu vergewissern. «Bleib locker meine Liebe», gab die Fahrerin ihr mit. Nur um kurz darauf fluchend zu rufen: «Verdammt, was ist das denn? Eine Umleitung, jetzt, hier, heute?» Die Stimme am Telefon klang kurzzeitig panisch. «Sieh zu, dass Du da schnell durchkommst. Wir müssen noch ein paar Dinge durchsprechen, bevor der Kunde kommt.»
    Sie trennte die Verbindung und starrte das gelbe Schild ‹Umleitung› an. Gestern hatte es noch keine Baustelle oder Ähnliches gegeben. «Natürlich», murmelte sie, «warum sollte ich auch den direkten Weg nehmen?» Brav folgt sie der angewiesenen Richtung und bog ab. Wenig überraschend war sie nicht allein auf diesem neuen Weg unterwegs. Eine kleine Wartegemeinschaft verstopfte die schmale Straße.
    Überraschend ging es nach einem kurzen Stopp weiter. Ein Überweg für Fußgänger hatte einer gebrechlichen Dame den Vorrang eingeräumt und die Kolonne gestoppt. Die gelben Schilder führten sie nach links auf eine größere Straße. Dumm war nur, dass dort bereits ein Verkehrsstrom floss, der sich von ein paar Linksabbiegern aus einer Seitenstraße nicht aufhalten ließ. Scheibchenweise fädelten sich die Fahrzeuge vor ihr ein.
    Als sie endlich an der Haltelinie stand und losfahren wollte, kam ein Radler angesaust und bestand frech auf seiner Vorfahrt. Ihr cleverer Wagen erkannte mit seinen Sensoren die Gefahr und stieg auf die Bremse. Ihre Hintermänner sahen das anders und servierten ihr ein Hupkonzert. Die dissonanten Melodien nahe am Cis-Dur entlockten ihr abermals einen Fluch.
    Endlich erbarmte sich ein Brummifahrer und gab ihr die Möglichkeit des Einfädelns. ‹Bitte wenden›, tönte es aus den Lautsprechern. «Hä? Was soll das denn?», wetterte sie lauthals, um sich sogleich wieder zu beruhigen. Mit scheinbar mahnender Stimme durchflutete die vorherige Ansage erneut akustisch das Auto. Warum meldete sich die Quatschstimme ohne Aufforderung? «Susi, schalte die Navigation ab.» Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. ‹Das automatische System für Umleitungen ist aktiviert›, wurde ihr kurz und knapp beschieden.
    Um gleich darauf erneut eine Wende zu fordern. «Susi, schalte die Navigation ab!» Hartnäckig forderte die Stimme wiederholt einen anderen Weg, als den ausgeschilderten. Kurz darauf gab sie sich versöhnlich und erklärte: ‹Der Umfahrungsdienst kann in den Einstellungen, im Menü Sonderdienste, Untermenü Navigation, Abschnitt Umleitung konfiguriert werden. Soll ich die Änderungen vornehmen?› Die Fahrerin war kurz davor das System mit einem gebrüllten ‹Machs endlich!› zu füttern, konnte sich aber gerade noch zurückhalten.
    Also antwortete sie mit einem knappen: «Ja.» Die säuselnde Stimme schien damit nicht zufrieden. ‹Was soll ich tun? Ein Ja aktiviert keines meiner Systeme.› Mittlerweile führte sie ein weiteres gelbes Schild in eine Seitenstraße, die vermutlich zuletzt von den Römern benutzt wurde. Ein paar Schlaglöcher luden zum Schwimmen im Schlamm ein. Der nächste Hinweis zur Umleitung schlug vor, dass sie ab hier der U3 folgen könne.
    Sie beschloss, sich an diesen Vorschlag zu halten. Die Stimme aus dem Lautsprecher würde warten müssen. Dumm war nur, dass diese anderer Meinung war. ‹Wiederholen Sie Ihre letzte Eingabe. Ja ist keine Option an dieser Stelle.› Ok, zunächst ignorieren. Leider stand die Chance denkbar schlecht. ‹Bitte wenden›, wurde ihr erneut beschieden. «Susi, schalte den Umfahrungsdienst ab», gab sich die Fahrerin geschlagen. ‹Gerne, wie lautet der Name Deines ersten Haustieres?› Hä! Was sollte das denn? Noch gab sie nicht auf. Während sie erneut einem gelben Pfeil in die nächste Straße folgte, startete sie einen weiteren Versuch. «Susi, warum muss ich den Namen angeben?», fragte sie. ‹Einstellungen sind durch eine Frage gesichert. Wie hieß Dein erstes Haustier?›
    Sie explodierte. «Fick Dich», brüllte sie in Richtung ihres Smartphones. ‹Leider kann ich diese Aufgabe nicht erfüllen›, kam prompt die Antwort zurück. Es hatte einfach keinen Zweck. Dieses Ding würde nicht aufgeben und sie hatte weder Zeit noch Nerven. Also würde sie das Gelaber bis zum Ende der Umleitung ertragen müssen.
    Unmittelbar danach ergab sich eine neue Situation. Eine Baustellenampel direkt vor ihr verkündete mit einem Sprung von Gelb auf Rot eine Zwangspause. Rasch nahm sie ihr Telefon aus der Halterung und suchte in den Tiefen der Einstellungen. Nach kurzer Zeit hatte sie die Funktion abgeschaltet und ließ das Gerät erleichtert auf den Beifahrersitz fallen.
    Es ging weiter. Sie bewegte sich gefühlt im Kreis. Plötzlich verkündete ein Schild ‹Umleitung – geradeaus›. Dumm nur, dass es damit gegen die Richtung einer Einbahnstraße ging. Während sie stoppte, entlud sich das nächste Hupkonzert hinter ihr. Dieses Mal klang es eher schönbergisch und multipolyphon. Gleichzeitig kündete ihr Telefon den nächsten Anruf von ihrer Assistentin an – zeitgleich mit der Erkenntnis, dass ‹geradeaus› eigentlich schräg rechts meinte.
    «Susi, nehme das Telefonat an», beschied sie der quengelnden Kiste. Ihre Assistentin hatte sich scheinbar beruhigt. «Ich vermute, Du bist noch unterwegs», fragte sie eher rhetorisch, um dann gleich fortzufahren. «Der Kunde war hier. Hat gewartet; war in Eile, kommt nicht wieder», zählte sie die bahnbrechenden Ereignisse der letzten Minuten auf. «Lass Dir Zeit; ich mache Kaffee.» Punkt, Ende, Aus.
    Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis sie die Konsequenz dieser Aussagen begriff. Nach einem kurzen Sprint trat sie abrupt auf die Bremse. Wütend hämmerte sie im Stakkato auf ihr Lenkrad. Das Ergebnis war ein atonales Konzert für Solo-Hupe; jaulend antworteten die Leidensgenossen um sie herum mit einem kraftvollen ‹Presto Tutti›.

    Nach einer Odyssee durch das Labyrinth der Verwaltung hatte sie es gefunden: DAS Zimmer. Ihr Puls hämmerte in den Schläfen, und die Wut schwoll wie eine drohende Flut. Ihre Hand zuckte zum Türgriff, sie zwang sich – mit aller Macht – stillzuhalten. ‹Stell Dir vor, Du reißt die Tür auf und schreist!›, dachte sie. Nicht gut. Ihr inneres Bild von sich selbst in wilder Rage verflog, als sie sich ermahnte: vormals stellvertretende Bürgermeisterin. Jahrelang. Und nächstes Jahr? Erneuter Anlauf und Wahlkampf. Sie schnaufte kurz durch, straffte die Schultern und ließ den Sturm in sich verebben – für den Moment. Aus dem Zimmer drang ein merkwürdiges ‹Plopp›. Gefolgt von einer ganzen Serie ähnlicher Geräusche. Diese Töne ließen sich nicht eindeutig einordnen.
    Langsam öffnete sie die Tür, fast als ob sie damit verhindern wollte, dass die aufkeimende Spannung entweicht. Sie schob sich in das Zimmer, gerade so, dass der Türrahmen sie noch festhalten konnte. Voller Überraschung richteten sich zwei Augenpaare auf sie.
    Der ältere Herr stand mitten im Raum, gut gebräunt und sein Gesicht tief von Falten gezeichnet. Mancher Kampf hatte über die Jahre seine Spuren hinterlassen, ohne dass jemand sie noch einmal beachtete. Seine Augen waren müde und verbittert, ein Ausdruck von ewigem Schlachten, der mit der Zeit zu einem festen Teil seiner Persönlichkeit geworden war.
    Neben ihm, wie aus einer anderen Welt, das junge Mädchen. Ihre Haut war glatt und jugendlich, voller Leben, und ihre Augen funkelten schelmisch. Ihr schiefes Lächeln wirkte fast provokant, als hätte sie sich die Leichtigkeit bewahrt, die der alte Mann längst verloren hatte. Es schien, als ob die Zeit im Raum stillstand, als wären beide plötzlich aus einem Traum erwacht und versuchten zu begreifen, wie diese Fremde in ihre abgeschottete Welt gekommen war.
    Beide blickten auf einen überdimensionalen Stadtplan an der Wand, während sie in eine kleine Kiste auf dem Tisch griffen. Als sie die Besucherin bemerkten, zogen sie ihre Hände ruckartig zurück, als wären sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. Mit einer Mischung aus Überraschung und Unsicherheit drehten sie sich um und musterten die Fremde, als könnten sie nicht fassen, wie sie in ihre abgeschottete Welt geraten war.
    «Dürfte ich erfahren, wer Sie sind und was Sie in einem Amtsraum wollen?» Die Stimme des Älteren war kratzig, fast so altmodisch wie sein Gesicht, und klang dabei, als hätte er lange keine echten Fragen mehr gestellt.
    «Entschuldigen Sie bitte, ich suche das Verkehrsamt, die Abteilung für Verkehrsleitung. Bin ich hier richtig?» Ihre Stimme durchbrach die gespannte Stille, als hätte sie einen Stein in einen erstarrten Teich geworfen. Auf den Gesichtern der beiden regte sich … nichts. Kein Blinzeln oder Zucken. Es war, als hätte sie in einer fremden Sprache gesprochen. Sekunden verstrichen, die sich anfühlten wie Stunden, in denen niemand einen Anlauf machte, die Sprachlosigkeit zu überwinden.
    Ihre Hand zuckte ungeduldig, und ihre Lippen pressten sich kurz zusammen. Sie hatte wirklich gedacht, dass ihre Zeit als Bürgermeisterin eine gewisse Präsenz hinterlassen hätte. Jahre voller politischer Kämpfe, endloser Sitzungen, Gespräche mit Bürgern, Entscheidungen, die die Stadt mitgeformt hatten. Und jetzt? Jetzt stand sie hier, kaum mehr als ein Schatten ihres früheren Ichs, und niemand schien sie zu erkennen. Nicht einmal ein Hauch von Erinnerung in den Gesichtern der beiden vor ihr. Als hätten all ihre Mühen und ihre Hingabe am Ende nichts bedeutet.
    Ihre Gedanken kehrten zu der Frage zurück, warum sie hier war. Selbst das schien im Moment bedeutungslos, verglichen mit der Ahnung der Unsichtbarkeit, die in ihr aufstieg. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus, als ihr Blick die Wände des Raums streifte, meist kahl, leer, fast wie die Erinnerung ihres Ruhms. War das alles gewesen? All die Jahre? Ein leiser Gedanke schlich sich in ihren Kopf: ‹Bin ich tatsächlich unsichtbar geworden?› Es fühlte sich an, als ob die Welt um sie herum weitergezogen war, und sie blieb zurück – als eine Fußnote in den Akten, übersehen und vergessen.
    Für einen Moment wirkte die Szene vor ihr absurd: ein zerfurchtes Gesicht und ein junges Lächeln, beide unbeeindruckt von dem, was diese Stadt einst wichtiggemacht hatte. Zwei Fremde, die sie ansahen, als wäre SIE der Fehler – ein seltsamer Fremdkörper in ihrer geordneten kleinen Welt. Es war, als hätte sich die Realität verschoben, als ob sie aus einem unsichtbaren Schleier hervorgetreten wäre, der sie jahrelang bedeckt hatte, ohne dass sie es bemerkte. Skurril, fast surreal, wie sich die Gewichte verlagert hatten. Hier war sie, die Frau, die einst Einfluss hatte, und jetzt? Sie stand vor zwei Menschen, die sie mit der Gelassenheit und Unbekümmertheit betrachteten, die man einer vorbeiziehenden Wolke entgegenbringt. Ihre Jahre im Amt? Einfach verblasst.
    «Ich bin hier, um über die Umleitung am Platz der Dreieinigkeit zu sprechen», begann sie, ihre Stimme fest, innerlich bereits genervt. «Die von Ihnen vorgeschlagenen Wege … Nun ja, die machen ja überhaupt keinen Sinn. Wäre es irgendwie möglich, die Idee dahinter zu erfahren?» Die beiden tauschten einen belustigten Blick, als ob sie sich wortlos absprachen. Das Mädchen war die erste, die sprach. «Soll ich, oder möchtest Du?», fragte sie den Älteren, der ihr mit einem kurzen Nicken den Vortritt ließ.
    Mit einem süffisanten Grinsen wandte sich das Mädchen ihr zu. «Also, was bemängeln Sie denn ganz konkret, wenn ich fragen darf?» Die Besucherin holte tief Luft, um sich zu sammeln, bevor sie sprach. «Ich bin Ihrer Ausschilderung akribisch gefolgt, aber irgendwie nahm das alles kein Ende. Dann noch durch ein Industriegebiet! Können Sie mir bitte erklären, was der Sinn dieser Umleitung sein soll?»
    «Sinn? Das ist doch relativ», mischte sich der Alte kurz ein und griff in die Kiste vor ihm. «Der Weg ist das Ziel, wie man so schön sagt. Außerdem sind wir eine Verwaltung und nicht das Institut für Sinnfindung. Es gibt keinen besseren Weg, den Verkehr zu lenken, als auf gut Glück. Wussten Sie das nicht?» Sein Lächeln war schief, aber irgendwie schien es ihm ernst zu sein. Langsam ergriff er eine Art spitzen Stift.
    Das Mädchen grinste noch breiter und nahm den Faden wieder auf. «Was genau stört Sie an einem Industriegebiet? Und sind Sie etwa der U3 gefolgt, obwohl das auf dem Schild eindeutig nur als Stauempfehlung beschrieben wird?» Die Besucherin zögerte. Obwohl sie einige Jahre stellvertretende Bürgermeisterin gewesen war, wusste sie nichts über dieses Viertel. Sie dachte kurz nach. Die beiden kannten sie nicht – vielleicht war es gar nicht so schlimm, ihre Unwissenheit zuzugeben.
    Doch gerade als sie die Worte formte, erhob sich der ältere Mann. «Moment mal … kenne ich Sie nicht? Waren Sie nicht die Bürgermeisterin für Kultur und Umwelt?» Innerlich hätte sie am liebsten laut geflucht. «Ja, ich habe mehrere Jahre der Stadt gedient», antwortete sie, ihre Stimme einen Hauch zu steif, zu stolz. Der beabsichtigte Effekt blieb aus, denn auf dem Gesicht des Älteren breitete sich ein spöttisches Grinsen aus. «Also gut», sagte er. «Was genau möchten Sie uns sagen?»
    Wieder zögerte sie. War die Umleitung doch nicht so sinnlos, wie sie dachte? «Ich will wissen, warum der Verkehr von der Hauptstraße durch enge Nebenstraßen geführt wird. Heute Morgen war ich mehrmals komplett blockiert.» Das Mädchen stand auf und lächelte ein wenig freundlicher. «Darf ich Ihnen die Komplexität unserer Planungsaufgabe erläutern? Vielleicht können Sie damit ja beim nächsten Stadtrat Eindruck schinden.»
    Erwischt! Das Mädchen erinnerte sich tatsächlich an das große Stadtfest. Damals hatte sie vor dem Stadtrat gefordert, sich nicht von der Verkehrsplanung hinters Licht führen zu lassen. Am Ende hatte sie die Sperrung weiter Teile der Innenstadt durchgesetzt.
    Zögernd folgte sie dem ausgestreckten Arm des Mädchens und stand vor der riesigen Karte. Jede noch so kleine Straße der Stadt war dort eingezeichnet. Ihr irgendwie bekannte Pfeile, die mit Schnüren verbunden waren, markierten die Umleitung. Überall auf der Karte sah man kleine Löcher – wohl von den Nadeln, die die Markierungen hielten.
    «Die Ableitung beginnt am besagten Platz, führt direkt über die Südparkallee und geht dann weiter zur Ostschleife bis zum Ausfädelöhr 33 im Süden…» Plötzlich wurde sie von einem Kichern unterbrochen. Überrascht sahen beide Frauen zum Alten hinüber. «Entschuldigen Sie», sagte er lächelnd, «das Ausfädelöhr besitzt sehr spezielle Eigenschaften. Außerdem hat es mich an etwas aus meiner Jugend aktiviert.»
    Sein Kommentar ließ sie stutzen. Allein die Tatsache, dass er sich an seine Jugend erinnerte, zeigte, dass er wohl nicht so alt war, wie er aussah. Das Mädchen wollte fortfahren. «Hier sehen sie…» Sie wurde von der Besucherin unterbrochen. «Sie legen den Weg mit Nadeln und Fäden fest?», fragte sie und ließ ihre Hand über die Karte fahren. Der Untergrund bestand aus einer Art eng gepresster Fasern, die sich wie eine harte, aber flexible Oberfläche anfühlten. «Gibt es denn in der Verwaltung keinen Computer dafür?»
    Ein kurzes Kichern des Alten rief bei ihr erneut eine hochgezogene Augenbraue hervor. «Das Budget der Stadt sollten Sie doch besser kennen als wir hier am Ende des Ganges», erklärte er ihr. «Soweit ich mich erinnere, konzentrieren wir uns ja neuerdings lieber auf die Treppengeländer des Opernhauses.» Autsch, das hatte gesessen. Ihr Blick verriet, dass er sie besser kannte als gedacht und mit dieser Bemerkung voll ins Schwarze getroffen hatte.
    Mit solch einer Hypothek würde ihre Wiederwahl schwierig. Langsam tat die Besucherin ein paar Schritte rückwärts in Richtung Ausgang. «Ich sehe schon, dass Sie hier hervorragende Arbeit leisten und die Sache im Griff haben. Dann entschuldigen Sie bitte die Störung und einen schönen Tag noch.» Die letzten Worte wurden bereits vom Klang der sich schließenden Tür übertönt.
    Sie benötigte einen Augenblick, um sich zu sammeln. Offensichtlich hatte sie als Bürgermeisterin einiges nicht verstanden. Aber, aus solchen Fehlern lässt sich lernen. Als sie langsam losging, ertönten wieder die vertrauten ‹Plopp› hinter der Tür – ein Klang, der sie unwillkürlich an ihre Schulzeit erinnerte, als Dartspiele in der Pausenhalle beliebt waren.